Wal-Transport steht an - Lastkahn im Nord-Ostsee-Kanal
Veröffentlicht: Sonntag, 26.04.2026 21:15

Gestrandeter Buckelwal
Kirchdorf (dpa) - Der für den Transport des vor Poel liegenden Buckelwals vorgesehene Lastkahn ist im Nord-Ostsee-Kanal. Vom Schubboot «Hans» geschoben fuhr die sogenannte Barge am Sonntagabend an Hohenhörn vorbei. Zuvor hatte Constanze von der Meden von der privaten Rettungsinitiative bestätigt, dass es sich um den entsprechenden Transport handelt. Die Barge soll vor Poel den dort festsitzenden Wal samt Wasser aufnehmen und dann durch einen Schlepper gezogen Richtung Nordsee transportieren.
Der Transport soll frühestens Dienstag anstehen - Ruhe für den Walbullen bedeutete das am Wochenende aber nicht. Immer wieder waren tagsüber Leute direkt am geschwächten Tier, darunter Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD). Am Sonntag fuhr er morgens per Boot zum Wal und fasste ihn an.
Tierärztin: Buckelwal hat deutlich abgenommen
«Wir haben uns entschieden, doch noch mal rauszufahren zu ihm», sagte er anschließend. Backhaus fand es nach eigener Aussage «hochinteressant». Schon am Freitag hatte er gesagt, er sei direkt an ihm - dem Wal - dran gewesen.
Man wolle Blut abnehmen, Wasser verabreichen, womöglich auch Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine, sagte die an der Privatinitiative zum Transport des Wals beteiligte Kleintierärztin Kirsten Tönnies. Das nach anfänglichen Schätzungen zwölf Tonnen schwere Tier habe deutlich abgenommen, werde von der Initiative aber weiter als transportfähig eingestuft, sagte Backhaus. «Er wird von heute auf morgen jedenfalls nicht sterben.»
Das Team hat nach Aussage eines Mitglieds am Sonntag auch ins Maul des Wals geschaut. Demnach befindet sich zumindest augenscheinlich kein Netz in den Barten des Wals.
In eine Stahlwanne gesperrt tagelang Richtung Nordsee
Der für den Transport des rund zwölf Meter langen Buckelwals vorgesehene Lastkahn sollte nach Angaben aus dem Team der Initiative Sonntagnacht oder Montagfrüh ankommen. Größere Umbauarbeiten an dem Lastkahn stehen nach Aussage des beteiligten Tauchunternehmers Fred Babbel nicht mehr an. Das sei zuvor schon in einer Werft passiert. «Die haben dort Tag und Nacht gearbeitet.» Neben ein paar anderen Vorbereitungen müsse nur noch ein Schott gewechselt werden. Das soll laut Babbel in Wismar passieren. Auf die Wismarer Werft müsse die Barge dafür aber nicht.
Der eigentliche Transport mit der sogenannten Barge sei für Dienstag geplant, sagte Babbel. Der Walbulle soll in eine Art stählernes Aquarium gesperrt tagelang bis in die mehr als 400 Kilometer entfernte Nordsee oder sogar in den Atlantik transportiert werden.
Wal soll durch 100 Meter lange Rinne auf Kahn schwimmen
Vor Poel werde noch die Zufahrt vom Wal bis in die tiefere Fahrrinne verbreitert, sagte Babbel am Sonntagvormittag. «Wir sind da noch beim Arbeiten, beim Spülen, Saugen.» Das Go für das neue Vorhaben der Initiative war von Backhaus am Samstag verkündet worden. Das Konzept werde geduldet - die Verantwortung liege weiterhin bei der Initiative.
Der Wal soll durch eine mehr als hundert Meter weit gebaggerte Rinne auf den Kahn schwimmen. «Für ein Wildtier ist das schon ziemlich komfortabel im Rahmen unserer Möglichkeiten», meinte Tönnies zu dem Becken. Ein bereits befestigter Tracker soll später seine weitere Position zeigen. Allerdings gibt es dabei ein gravierendes Problem: Der Tracker funktioniere nicht unter Wasser, sagte Backhaus. Sollte der Wal also abtauchen oder ertrinkend auf den Grund sinken, wäre er wohl nicht mehr zu erfassen. An einer neuen Lösung werde gearbeitet, so der Minister.
Jeden Tag Trubel und Lärm
Seit Tagen sind sehr häufig Menschen in unmittelbarer Nähe des Buckelwals, zudem lärmen Boote und technisches Gerät. Der Wal scheint das gelassen und ruhig hinzunehmen - Experten zufolge kann dieser Eindruck aber schwer täuschen.
Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) betonte, dass Kontakt zu Menschen für Wildtiere immer Stress bedeute. Das sei auch bei Meeressäugern wie Robben und Walen so. Ein physisches Eingreifen direkt am Wal solle nur in Ausnahmesituationen, mit möglichst wenig Einsatzkräften und für kurze, gezielte Maßnahmen erfolgen.
«Kakophonie aus wechselnden vermeintlichen Experten»
Gut wäre ein kompetentes und erfahrenes Team vor Ort mit Tierarzt, Biologen, Bootsführer, dem die Verantwortung übertragen werde, sagte der Meeresbiologe Boris Culik, früher beim Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. «Aktuell haben wir eine Kakophonie aus wechselnden vermeintlichen Experten, deren Befähigung und Erfahrungen niemand hinterfragt.»
Greenpeace-Experte Thilo Maack erklärte: «Keinem Wildtier an Land, wie zum Beispiel einem sterbenden Wolf, Hirsch oder Wildschwein, würde man ein solches ans Würdelose grenzende Gezerre zumuten.»
Buckelwal blieb fünfmal liegen
Fünfmal blieb der Buckelwal in der Ostsee in flachem Wasser liegen. Der laut Backhaus rund vier bis sechs Jahre alte Walbulle war Anfang März erstmals in der Ostsee gesehen worden: Am 3. März tauchte er im Hafen von Wismar auf; später saß er weiter westlich vor Timmendorfer Strand (Schleswig-Holstein) fest. In den mehr als 50 Tagen seither lag er zu deutlich mehr als der Hälfte der Zeit in Flachwasserzonen. Experten vermuten, dass er sie gezielt immer wieder aufgesucht haben könnte, weil er schwer erkrankt Ruhe suchte.
Wie schon beim kurzzeitigen Losschwimmen des Tieres am Montag gab es am Sonntag steigende Wasserstände. Diesmal reichte womöglich die Kraft nicht mehr: Der Wal blieb jedenfalls zunächst liegen.





