Waffenruhe verlängert: Wie geht es weiter im Libanon?
Veröffentlicht: Freitag, 24.04.2026 05:00

Krieg in Nahost
Beirut/Tel Aviv (dpa) - Die Welt schaut auf den Iran und die Straße von Hormus - parallel hofft der Libanon, einer möglichen nächsten Phase der Eskalation zu entgehen. Israel und die vom Iran unterstützte Hisbollah-Miliz führen dort ebenfalls Krieg. Eine brüchige Waffenruhe, die am späten Sonntagabend ausgelaufen wäre, wird US-Präsident Donald Trump zufolge nun um drei Wochen verlängert. Ist das jüngste Kapitel von Tod, Zerstörung und Vertreibung in dem kleinen Land am Mittelmeer damit überstanden? Die wichtigsten Fragen:
Warum führen Israel und die Hisbollah Krieg?
Die Hisbollah ist eine mächtige schiitische Miliz und politische Bewegung im Libanon, die vom Iran unterstützt wird. Sie kämpft gegen die Existenz Israels und gilt neben Milizen im Jemen und im Irak als stärkster Verbündeter Teherans. Ihr Konflikt hängt deshalb eng mit dem Krieg der USA und Israels gegen den Iran zusammen. Der Konflikt der in den 1980er Jahren entstandenen Hisbollah im Kampf gegen Israel reicht aber Jahrzehnte zurück.
Die jüngsten Konfrontationen begannen im Zuge des Iran-Kriegs, den die USA und Israel begannen, und nach der Tötung des iranischen Revolutionsführers Ali Chamenei Ende Februar. Wenige Tage später startete die Hisbollah - die «Partei Gottes» - neue Angriffe auf Israel, dessen Armee erneut schwere Luftangriffe im Libanon flog. Seitdem wurden im Libanon mehr als 2.000 Menschen getötet und 1,2 Millionen vertrieben - etwa ein Fünftel der Bevölkerung.
Wie geht es im Libanon jetzt weiter?
Eine zehntägige Waffenruhe, die am Sonntagabend ausgelaufen wäre, wird dem US-Präsidenten zufolge um drei Wochen verlängert. Trump kündigte dies nach einem seltenen Treffen von Vertretern Israels und des Libanons im Weißen Haus an. Libanons Regierung, die keine aktive Partei in dem Krieg ist, hat aber vor einer Aushöhlung der Waffenruhe bei neuen Verstößen der israelischen Armee gewarnt. Auch die Hisbollah hat trotz der geltenden Feuerpause mehrfach Ziele in Israel angegriffen.
Beendet ist der Krieg keineswegs. Wegen der «lockeren» Bedingungen bei Verlängerung der Waffenruhe dürften auch die Angriffe weitergehen, sagt Makram Rabah, Geschichtsprofessor an der Amerikanischen Universität in Beirut (AUB). Trump könnte mit den Treffen in Washington aber auf ein späteres, umfassenderes Abkommen hinarbeiten. Dafür will er bald Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und den libanesischen Präsidenten Joseph Aoun empfangen.
Welche Bedeutung hätte ein Treffen Aouns mit Netanjahu?
Eine Begegnung Aouns mit Netanjahu hätte zumindest symbolisch eine enorme Wirkung. Ihre beiden Länder sind seit der Gründung Israels 1948 offiziell im Krieg. Schon die Tatsache, dass in Washington jetzt die Botschafter beider Länder in den USA direkt miteinander sprechen, gibt etwas Hoffnung, dass irgendwann auch ein umfassenderes Abkommen greifbar sein könnte.
Die strittigen Punkte werden sich aber nicht schnell ausräumen lassen. Die wichtigste Frage bleibt in diesen Gesprächen, ob und wie der Libanon und dessen Armee eine Entwaffnung der Hisbollah durchsetzen können, die diese ablehnt. Und auch, ob Israels Truppen dauerhaft aus dem Südlibanon abziehen, in dem sie seit anderthalb Jahren wieder eine militärische Präsenz halten. Der Iran und die Hisbollah lehnen die Gespräche in den USA ab.
Was will Libanons Regierung und was will die Hisbollah?
Der libanesische Präsident Joseph Aoun geht so hart gegen die Hisbollah vor wie wohl keiner seiner Vorgänger. Die meisten Teile der Regierung sehen eine Entwaffnung der Hisbollah, die lang wie ein Staat im Staate agierte, heute als beste Chance, um ein Ende von Israels Angriffen zu erreichen. Laut einer Umfrage von 2025 wünschen sich inzwischen etwa 80 Prozent der Libanesen, dass die Miliz die Waffen abgibt. Viele machen sie direkt für die Zerstörung und die humanitäre Krise in dem kleinen Land verantwortlich. «Der Libanon ist fertig mit der Hisbollah», schreibt das Magazin «Foreign Policy».
Zugleich hat die Hisbollah weiterhin große politische Macht und Rückhalt vor allem unter Schiiten. Das liegt auch daran, dass ihre Programme für soziale Wohlfahrt etwa in den Bereichen Bildung, Entwicklung und Finanzen örtlichen Gemeinden dort helfen, wo der Staat versagt. Militärisch ist die Hisbollah aber deutlich geschwächt und das Arsenal von geschätzt 150.000 Raketen im Jahr 2023 auf schätzungsweise 20.000 geschrumpft. Ganz abgeben wird sie die Waffen vorerst wohl nicht. Es gibt auch Sorge, dass solch ein Schritt im Libanon zu konfessioneller Gewalt oder gar einem neuen Bürgerkrieg führen könnte.
Was wird aus der UN-Mission im Land?
Seit bald 50 Jahren überwachen die Blauhelme von Unifil das Grenzgebiet zwischen dem Libanon und Israel, die Mission soll aber Ende des Jahres auslaufen. Israel und die USA betrachten den Einsatz als ineffektiv beim Ziel, militärische Aktivitäten der Hisbollah zu unterbinden. Der Libanon hofft dagegen, dass es auch 2027 noch eine UN-Präsenz geben könnte - die Entscheidung liegt aber beim UN-Sicherheitsrat. Derzeit sind nach UN-Angaben mehr als 7.500 Blauhelm-Soldaten aus rund 50 Ländern in dem Gebiet stationiert.
Der Einsatz gilt als einer der gefährlichsten weltweit. Erst vor Tagen wurden durch einen Angriff zwei französische Soldaten getötet. Unifil ist es nicht gelungen, im Südlibanon eine von Waffen befreite Zone zu schaffen. Sie bleibt aber eine Art letzter unabhängiger Puffer in einem schwer umkämpften Gebiet, in dem seit anderthalb Jahren wieder Israels Bodentruppen im Einsatz sind.




