Psychotherapeut: Warum nicht alles ein «Trigger» ist

Mann hält die Hände vor sein Gesicht
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Therapie-Sprech

Groß Rheide (dpa/tmn) - «Das hat mich hart getriggert» - egal ob auf Instagram, Tiktok oder YouTube: Wer aufmerksam hinhört, dem begegnet diese Formulierung auf Sozialen Medien im Überfluss. Der Psychologe und Psychotherapeut Christian Rupp hält die alltagssprachliche Verwendung von Varianten des Wortes «triggern» in vielen Fällen allerdings für problematisch.

Unter anderem deshalb, weil mit Formulierungen dieser Art die «Verantwortung für die Auslösung des Gefühls dem Gegenüber zugeschoben wird», wie Rupp auf seinem Blog schreibt. Der Trend «primär andere Menschen für die eigenen Gefühle verantwortlich zu machen» betrachte er mit großer Sorge. Denn: So werde das Gegenteil von Selbstwirksamkeit erreicht. Statt Verantwortung für das eigene Gefühl zu übernehmen, werde das «Selbstbild als hilfloses Opfer, dem 'Böses angetan' wurde» zementiert.

Verantwortung übernehmen - warum das hilft

Langfristig könnte das zu «chronifizierten psychischen Problemen» führen, schreibt der Psychotherapeut weiter. Denn die eingenommene Opferrolle gehe mit dem Anspruch an die Menschen im eigenen Umfeld einher, dass sie «gefälligst Rücksicht auf die eigenen 'Triggerpunkte' zu nehmen haben». Das sei ein «völlig überhöhter und unrealistischer Anspruch», der letzten Endes nur enttäuscht werden könne.

Rupp macht an einem Beispiel deutlich, was er für einen besseren sprachlichen Umgang hält. Die Situation: Eine Person, die durch wiederholte Lernerfahrungen mit einer abwertenden, demütigenden Mutter eine Prägung dahingehend erworben hat, sich selbst für klein, unfähig und wertlos zu halten, wird beim Bäcker flapsig angesprochen.

Anstatt davon zu sprechen, «getriggert» worden zu sein, ist dem Psychotherapeuten eine Formulierung wie «Das Verhalten hat bei mir Scham ausgelöst und mich klein fühlen lassen, weil mich ihr Tonfall an das herabwürdigende Verhalten meiner Mutter erinnert hat» passender. 

Die sprechende Person macht dem Psychologen zufolge so klar, woran sie selbst ansetzen kann, wenn sie das Gefühl bewältigen möchte. In diesem Beispiel etwa an der eigenen biografischen Prägung, für die sie selbst keine Schuld trägt. «Die Verantwortung für den Umgang mit dieser Prägung in der Gegenwart obliegt ihr derweil sehr wohl, ob sie nun will oder nicht», so Rupp.

Was hinter dem Begriff Trigger steckt 

Wie der Therapeut erklärt, ist der Begriff «Trigger» mit dem Konzept des Traumas verwandt ist und hängt eng mit der wissenschaftlichen Erforschung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zusammen.

Ein Trigger ist aktuell etablierten Erklärungsmodellen der PTBS nach ein Reiz, der neuronal in besonders starker Weise mit der Trauma-Erinnerung verknüpft ist. Der Reiz könne bei PTBS-Betroffenen die gesamte Trauma-Erinnerung aktivieren.

Wenn man anfange, «sämtliche unschönen biografischen Prägungen» Trauma zu nennen, ist das Christian Rupps Auffassung nach gegenüber Betroffenen mit einer PTBS «respektlos und unsensibel». 

«Therapy speak» weit verbreitet

Dieses Phänomen, einst unbekannte psychologische Begriffe auch in der Alltagssprache zu verwenden, wird auch als «Therapy speak» (auf Deutsch etwa: Therapie-Sprech) bezeichnet und existiert nicht nur im Zusammenhang mit vermeintlichen «Triggern». Andere Beispiele betreffen zum Beispiel die Begriffe «Gaslighting», «Narzissmus» oder «toxisch».

Positiv an dieser Entwicklung kann sein, dass Krankheiten und psychische Störungen so im Alltag sichtbarer werden und enttabuisiert werden. Es besteht aber auch die Gefahr, dass durch die - teils unüberlegte - alltagssprachliche Verwendung psychische Probleme weniger ernst genommen werden.

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