Der Abgesang des deutschen Schlagers im Fernsehen

Erste Ausgabe von "Immer wieder sonntags" nach tödlichem Notfall
© Philipp von Ditfurth/dpa

Sendungen fliegen aus Programm

Baden-Baden (dpa) - Millionen Deutsche reisen jedes Jahr nach Mallorca oder in die Alpen: Für Party, Palmen oder Glitzerschnee. Eines darf dabei nicht fehlen: Schlagermusik. Ob am Ballermann oder im Brixental - die Leute fahren auf Volksmusik mit einfachen Texten und eingängigen Melodien ab. Oder was wäre der Karneval, die Fastnacht oder der Fasching ohne Schlager? Nicht wegzudenken ist er bei Schützenfesten oder dem wohl größten Volksfest der Welt, dem Oktoberfest. Wie passt es dann zusammen, dass aus dem Fernsehen immer mehr Schlagersendungen verschwinden? 

Schlager im Fernsehen steht unter Druck. Erst kürzlich hat die ARD das Aus von zwei beliebten Sendungen mit Millionenpublikum bekanntgegeben. Mit dem Klassiker «Immer wieder sonntags» und der «Beatrice Egli Show» fallen künftig zwei bekannte Formate im ARD-Programm weg. Stefan Mross (50) darf immerhin noch bis Spätsommer einige Liveshows moderieren. Egli (37) dagegen bekommt zumindest im Ersten vorerst keine Sendung mehr.

Offiziell heißt es vom produzierenden Sender SWR und von der Sängerin: Sie wolle sich anderen Projekten widmen und gehe zudem im Herbst auf Tour. Inoffiziell passt der Wegfall ihrer Sendung bestens zur neuen Marschrichtung der ARD. 

Zur Streichung von «Immer wieder sonntags» nach rund 30 Jahren hieß es vom SWR: Das Geld solle einerseits eingespart und andererseits in die Entwicklung neuer digitaler Unterhaltungsformate investiert werden. Zudem wollen sich ARD und SWR auf ein jüngeres Publikum fokussieren.

Geht es dem TV-Schlager jetzt an den Kragen? 

Auch bei weiteren Schlagersendungen im deutschen Fernsehen ist der Rotstift angesetzt worden. So flog Anfang des Jahres die «Schlagerhitparade» mit Christin Stark, der Ehefrau von Matthias Reim, trotz treuer Fangemeinde ersatzlos aus dem Programm. 

Im vergangenen Jahr erklärte der MDR gegenüber dem Fachportal schlager.de das Aus so: «Wie alle modernen Medienhäuser entwickelt auch der MDR sein publizistisches Angebotsportfolio kontinuierlich im Sinne des Publikums weiter. Denn die Interessen und Bedürfnisse in der Mediennutzung verändern sich rasant, bekanntermaßen steigt die Nutzung digitaler Formate stetig.»

Auch die Open-Air-Show «Kaisermania» mit Roland Kaiser überträgt der MDR in diesem Jahr nicht mehr - die Jahre zuvor hatte die öffentlich-rechtliche Anstalt das Konzert aus Dresden noch gesendet.

Experte: Schlager bleibt starkes Genre

Musikwissenschaftler Felix Thiesen von der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover sieht den Schlager zumindest insgesamt weiterhin als starkes Genre. Seine Popularität sei weiter ungebrochen, sagt er. Gerade Stars wie Helene Fischer oder Beatrice Egli hätten in den vergangenen Jahren für eine «kleine Frischzellenkur» gesorgt.

Auch Florian Silbereisen oder Giovanni Zarrella sprechen ein breiteres Publikum an. Ihre Shows bei ARD und ZDF funktionieren vor allem als große Event-Shows. Das zeigt sich auch an den Quoten: Silbereisen hält sich als Musik-Showmaster laut des Branchendienstes DWDL konstant über der Vier-Millionen-Zuschauer-Marke.

Thiesen warnt deshalb davor, das Ende einzelner Sendungen mit dem Ende des TV-Schlagers gleichzusetzen. «Nicht unbedingt sind es jetzt die großen Shows und deren Niedergang, die den Schlager bedrängen», sagt er. Das Genre müsse sich immer wieder neu erfinden und brauche eine mediale Einbindung, um das Publikum zu binden. Laut einer Statistik des Deutschen Musikinformationszentrums hören fast 50 Prozent der Deutschen Schlager.

Neue Medien hätten dazu geführt, dass sich das Publikum auf andere Plattformen verlagere. Das lineare Fernsehen verliere an Gewicht, daneben träten soziale Medien und Video-on-Demand-Plattformen wie Netflix und Co. «Um zukunftsfähig zu bleiben, muss der Schlager sich an anderen medialen Inszenierungen orientieren.»

Braucht der Schlager das Fernsehen? 

Dazu kommt, dass der Schlager schon lange nicht mehr nur vom Fernsehen lebt. Künstlerinnen wie Vanessa Mai setzen auf Nähe in den sozialen Netzwerken, um digitale Reichweite zu generieren. Sie nehmen ihre Follower mit in den Urlaub und vermarkten über Kooperationen Produkte - ähnlich wie Influencer. 

Für Nachwuchskünstler jenseits der großen Namen könnte das Verschwinden klassischer TV-Flächen aber ein Problem werden. Gerade kleinere Künstler haben lange von festen Auftritten im Fernsehen profitiert. Entscheidend sei aber Authentizität, sagt Musik-Experte Thiesen: Fans müssten einen Star als nahbar und erreichbar wahrnehmen. Das sei im Schlager wichtiger als die bloße Präsenz in einer einzelnen Show.

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Giovanni Zarella
Der Musiker Giovanni Zarella ist auch bei Schlager-Fans beliebt. (Archivbild) © Rolf Vennenbernd/dpa
Der Musiker Giovanni Zarella ist auch bei Schlager-Fans beliebt. (Archivbild)
© Rolf Vennenbernd/dpa
Florian Silbereisen
Silbereisen moderiert den ARD-«Schlagerboom» in diesem Jahr. (Archivbild) © Jens Kalaene/dpa
Silbereisen moderiert den ARD-«Schlagerboom» in diesem Jahr. (Archivbild)
© Jens Kalaene/dpa

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