
Verkehr
Berlin/Frankfurt (dpa) - Der tödliche Angriff auf einen Zugbegleiter in der Westpfalz war ein schwerer Einschnitt für die Deutsche Bahn, das Thema Sicherheit hat seitdem einen völlig neuen Stellenwert. «Wir erleben momentan in unserer Gesellschaft eine durchaus schwierige Entwicklung», sagte der für den Regionalverkehr zuständige Bahn-Vorstand Harmen van Zijderveld bei einem Termin am Hauptbahnhof in Frankfurt. Das spiegele sich auch in den Zügen wider.
Die Bahn könne die gesellschaftliche Entwicklung nicht ändern, sagte van Zijderveld. Sie könne aber dafür sorgen, dass die Züge ein sicherer Raum seien. «Angst hat in unseren Zügen keinen Platz.»
Zahl der Übergriffe regional unterschiedlich
Nach Angaben der Bundesregierung wurden 2025 rund 2.690 Angriffe auf Beschäftigte der Deutschen Bahn von der Bundespolizei aufgenommen – etwa elf Prozent mehr als im Vorjahr. In der Statistik der Bahn, die auch nicht angezeigte Übergriffe enthält, ist der Trend positiver: Bei DB Regio gab es 2025 demnach sieben Prozent weniger körperliche Angriffe als im Jahr davor, allerdings bei großen regionalen Unterschieden. In der Region Mitte zum Beispiel sei die Zahl der Übergriffe im selben Zeitraum um 15 Prozent gestiegen.
In dieser Region, die sich aus Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und dem nordbadischen Raum zusammensetzt, kam es Anfang Februar in einer Regionalbahn auch zu dem tödlichen Angriff auf den 36 Jahre alten Zugbegleiter Serkan Çalar. Er wurde von einem Fahrgast bei einer Ticketkontrolle mit Faustschlägen gegen den Kopf so stark verletzt, dass er später im Krankenhaus starb.
Wie die Bahn für mehr Sicherheit sorgen will:
Videoauswertung mit KI
Die Bahn überwacht die Züge und Bahnhöfe mit Tausenden Kameras, allein in den Stationen sind es bundesweit rund 11.000 Stück. Künftig könnten Aufnahmen der Kameras in den Zügen in Echtzeit an die Verkehrszentrale weitergeleitet werden, teilte der Konzern mit. «Die KI wertet die Aufnahmen dann aus und meldet Konflikte, etwa einen Streit unter Fahrgästen oder Randalierer.»
Doppelte Besetzung in den Zügen
Umfragen der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG zeigen immer wieder, dass sich viele Zugbegleiter bei ihrer Arbeit nicht sicher fühlen. Die Gewerkschaft fordert daher schon lange eine Doppelbesetzung in den Zügen, damit kein Zugbegleiter mehr allein auf einem Zug arbeiten und zum Beispiel Tickets kontrollieren muss.
Die Bahn testet solche Doppelbesetzungen derzeit - dabei werden die Zugbegleiter und Zugbegleiterinnen entweder von einer Sicherheitskraft oder von einem weiteren Kundebetreuer oder Kundenbetreuerin begleitet. «Neu hinzu kommt ab Juli ein Trageversuch mit stichfesten Westen zur Erweiterung der persönlichen Schutzausstattung», teilte die Bahn mit.
Freiwilliger Einsatz von Bodycams
Auf freiwilliger Basis können die Beschäftigten mit Kundenkontakt auch eine Bodycam ihrer Ausrüstung hinzufügen - rund ein Drittel haben das Angebot bislang in Anspruch genommen. «Bis Jahresmitte wollen wir eine Quote von 50 Prozent erreichen», sagte van Zijderveld der Deutschen Presse-Agentur. Bis Sommer sollen zudem alle Beschäftigten mit Kundenkontakt eine verpflichtende Schulung besucht haben. Ziel sei es, Bodycams zur Standardausrüstung der Kundenbetreuer zu machen.
Der Bahn zufolge zeigt der Einsatz der kleinen Geräte bereits Wirkung. «Von über 500 Vorfällen, bei denen die Bodycams eingeschaltet werden mussten, kam es lediglich in einem Fall zu einem schweren Übergriff», sagte van Zijderveld. Die Bodycams der Bahn-Beschäftigten zeichnen nur Bildmaterial auf. Die Bahn hofft, dass bis Herbst die gesetzlichen Voraussetzungen auch für eine Tonaufzeichnung geschaffen werden.
Helm-Test bei einer Einsatzgruppe der DB Sicherheit
Bei einer Berliner Einheit der DB Sicherheit werden seit kurzem und noch bis Dezember neue Schutzhelme getestet. Bei der Einheit handelt es sich um die Mobile Unterstützungsgruppe (MUG), die zum Beispiel bei Fußballspielen und Demonstrationen eingesetzt wird. Die Idee für die Helme kam von zwei Mitarbeitern der Einheit selbst. «Wir sind immer öfter mit Einsatzsituationen in Konflikt gekommen, die das übersteigen, was wir kannten», sagte einer der beiden Initiatoren kürzlich der dpa.
Die Berliner MUG unterstützt bei besonderen Einsatzlagen und arbeitet dabei regelmäßig mit Hundertschaften der Bundespolizei zusammen. Bislang konnten sich Einsatzkräfte der Polizei in kritischen Situationen mit Helmen schützen, die Bahnmitarbeiter jedoch nicht. Bewährt sich das Pilotprojekt, könnten die Schutzhelme nach Bahn-Angaben ab 2027 bundesweit eingeführt werden.
Programm für Sicherheit und Sauberkeit an Bahnhöfen
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) hatte in seiner Bahn-Strategie vergangenes Jahr drei Sofortprogramme gefordert - jenes für Sicherheit und Sauberkeit an Bahnhöfen wurde im Januar als erstes gestartet. An 20 wichtigen Bahnhöfen, darunter die Hauptbahnhöfe in Berlin, Hamburg, Hannover, Bremen und Köln, werden mit dem Programm zusätzliche Sicherheitskräfte eingesetzt. Insgesamt setzt die Deutsche Bahn deutschlandweit rund 4.500 Sicherheitskräfte an Bahnhöfen ein.
Kampagne «#mehrAchtung»
Gemeinsam mit dem Bundesverkehrsministerium und dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) führt die Bahn eine große Plakatkampagne für mehr Respekt in Zügen fort. Teil der Kampagne sind etwa Plakate mit Slogans wie «Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch für alle in Uniform». «Beleidigungen, Anspucken, Schläge, sexuelle Übergriffe und Körperverletzung sind keine Ausnahme mehr», sagte Heike Moll, Vorsitzende des Konzernbetriebsrats der DB, bei der Vorstellung der neuen Plakate Anfang Mai.

