Musik / CD

Die Nerven: FakeWir sind alle schuld

Alles falsch, nichts echt! Ganz schön anti kommt der proklamatische Albumtitel der vierten Platte von Die Nerven daher. Die Stuttgarter stellen erst einmal alles unter Generalverdacht. Dort, wo etwas falsch läuft in der Gesellschaft, schauen Die Nerven besonders genau hin. Julian Knoth, Max Rieger und Kevin Kuhn haben schon mit ihrem Durchbruchsalbum "Fun" (2014) bedrückende Beobachtungen in ein punkiges, aus stilistischen Fetzen und Gitarrenlärm bestehendes Gewand gehüllt. Dieser Blitz-und-Donner-Sound bricht auch auf dem neuen Album noch gelegentlich über einen herein, dennoch hat sich auf "Fake" einiges gewaltig geändert. Denn abgesehen von den Noise-Momenten macht es Album Nummer vier dem Hörer so leicht wie nie zuvor, einen Zugang zu Die Nerven zu finden.

Es gibt mehr Melodien, weniger Krach. Mehr Zeit floss in die Produktion, weniger Anarchie zerfleischt die Songs. Die Band erklärt selbst, dass die Musik sich mehr nach Pop anfühlen sollte. Von Pop ist "Fake" natürlich immer noch so weit entfernt wie Tocotronic vom Mainstream. Wer Schubladen braucht, hört ebenjene. Wer danach sucht, hört Fehlfarben, Sonic Youth und Joy Division.

Aber nicht umsonst ist die Fachpresse sich seit Jahren einig: Diese Band ist mehr als ein geistiges Kind, sondern eine Neuschöpfung und aus künstlerischer Sicht eine der wichtigsten Bands des Landes. Die meisten Stücke kommen zwar wie gewohnt nur mit Drums, Gitarre und Bass aus, doch sie verwandeln sich ständig. Auf "Fake" gibt es grautriste New-Wave-Momente, schrammelige Garage-Stücke, wütenden Postpunk. Aber es gibt eben auch die leisen Pop-Elemente, die dem Gesang von Rieger genug Platz einräumen, um sich wenigstens einen Moment lang anzuschmiegen, bevor er wieder wütet.

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Denn trotz aller versöhnlichen Töne bleibt die Kritik die Quintessenz von "Fake". Das erste Mal niedergeschlagen wird man vom Gitarrenknüppel der Single "Frei", wo am Ende sogar die ideallose Antihaltung kritisiert wird ("Immer nur dagegen, aber gegen was?"). Später werden die Hörer im Allgemeinen angegangen, von denen vermeintlich auch jeder mal konform ist und "Skandinavisches Design" kennt: "Mein Style wurde mir auf Amazon empfohlen." Ähnlich unbequem kommt "Explosionen" daher. "Es bricht über uns herein, die Explosionen, wir waren dabei", heißt es da, und man will beschämt auf den Boden gucken.

Besonders schmerzt der abschließende Titelsong: "Her mit euren Lügen, her mit eurem Leid." Wo es einem die Musik erstmals einfacher macht, bleiben die Texte also doch wieder bleischwer auf dem Torso liegen. Oder anders: Die Nerven gehen uns wieder gewaltig auf die Nerven und machen klar: So ganz unschuldig ist hier keiner.

Arne Lehrke

Audio CD
Bewertungausgezeichnet
CD-TitelFake
Bandname/InterpretDie Nerven
GenrePunk
Erhältlich ab20.04.2018
LabelGlitterhouse
VertriebIndigo
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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